Tier - Mensch - Kommunikation Tier-Mensch-Kommunikation / Mentaltraining
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Gespräch mit Simon, meinem dreibeinigen Freund aus Rumänien

Freunde werden - wie geht das?

 

Er schaut mich an mit seinen seelenvollen Augen. Ich tauche hinein, möchte ihn erkennen. Wer bist du? Was fühlst du? Was hat dich bis heute geprägt und wie nimmst du die Welt um dich wahr? Er sendet unentwegt Bilder von seiner Vergangenheit, seinen Ängsten, sogar im Schlaf. Nähe, körperliche und geistige Nähe ist das Wichtigste, was er braucht. Sobald ich mich von ihm gedanklich entferne, wird er unsicher. Wie es weiter geht, fragt er sich dann. Er schaut mich unsicher an, sein gesamter Körper zeigt Anspannung. Dass er ein bleibender, fester Freund ist und ich mich dennoch mit anderen Dingen oder Lebewesen befasse, darf er noch lernen. Das wird Zeit benötigen. Ich brauche sehr viel Zeit, Ruhe und Geduld für ihn. Nun, das ist mir nicht immer gegeben. Doch auch hier zeigt er mir die Lösung. Ich wache eine halbe Stunde früher auf, trinke meinen Kaffee mit ihm im Bett, PC, Handy bleiben aus. Das Buch, das ich schon ewig lesen will, bleibt im Regal, die Gedanken, die darauf warten, gedacht zu werden und sich immer wieder vordrängen, bekommen die klare Information, dass sie später­­ an der Reihe sind. Dann atme ich tief ein und bin mit allen Sinnen bei meinem Freund, der neben mir liegt und darauf wartet, dass ich bei mir ankomme, um mich mit ihm zu befassen.

 

Ungeteilte Aufmerksamkeit - alle Sinne einsetzen

 

Wie sieht das aus? Mich mit ihm befassen? Einfach. Sehr einfach. Er macht es mir sehr einfach, schon indem er kurz nach meinem Aufatmen ebenfalls einen erleichterten Seufzer tut. Das öffnet mein Herz und ich bin ihm wieder ein Stück näher bei ihm mit meinem Fühlen. Ich betrachte ihn. Wunderschöne Farben zeichnen sein Fell. Die schwarzen Stellen seines Körpers sind von demselben Braun durchzogen, wie der Kopf und der große, weiße Fleck, der sich über den linken Oberschenkel bis zum Fuß zieht, zeigt kleine schwarze Stellen, die von Tag zu Tag zu wachsen scheinen. Ich berieche ihn, stecke meine Nase in sein Fell. Da fängt er an, auch mich in meinem Gesicht zu beschnuppern. Dadurch kann ich deutlich die Schwingung fühlen, die von seinem Kopf ausgeht. Wir legen Stirn an Stirn. Es sind klare, fast scharfe Wellen, die starke Impulse senden. Diese Impulse dringen sofort in mein Gehirn. Ich fühle nicht das Bedürfnis, sie zu deuten oder zu untersuchen, ich nehme sie auf, wie sie kommen, ohne Absicht und Erwartung. Dabei öffnet sich mein Herz noch mehr und die Kraft in unseren Köpfen scheint sich einander anzugleichen. Wir schwingen in einem Takt. Erfüllend ist das Wort, das mir hierfür einfällt. Ich vergesse die Zeit und lasse geschehen. Irgendwann 'erriecht' meine Nase nun seinen Hals, mit dem er sich gestern hingebungsvoll in einer für mich äußerst abstoßend duftenden Substanz wälzte, über deren Herkunft ich lieber nicht nachdachte. Offenbar hatte die nach dem Waldspaziergang angesetzte Waschlösung es nicht geschafft, seinen Hals auch von allerletzten Geruchsspuren zu reinigen. Aber er ist Hund und ich liebe ihn genau so, wie er ist. Die Erinnerung an sein fröhliches Lachen im Gesicht, als ich ihn bei seiner äußerst hundischen Aktion unterbrach, lässt auch mich, während meine Nase in den Restspuren dieses Erlebnisses steckt, lachen. Inzwischen bin ich mit meinem Hinriechen an seinem Stumpf angelangt, an dem teilweise kein Fell nachwächst. Völlig anders nehme ich ihn auf. Er riecht auf eine bestimmte Art unpersönlich, hat noch keine Aussage für mich. Ich bleibe an der Stelle und rieche ein Weilchen länger hin. Es könnte ja sein, dass nach längerem Hinriechen sich eine tiefere Ebene öffnet.

 

Grenzen lösen sich auf

 

Es hat sich gelohnt, wenn auch das, was jetzt meine Geruchsorgane erreicht, mir nicht gefällt. Ich rieche verbranntes Fleisch. Zuerst will ich flüchten vor dem, was ich jetzt fühle, aber die Liebe zu Simon lässt mich hier bleiben und annehmen, was ist. Wünschen würde ich mir, jetzt klare Bilder zu empfangen, doch diese bleiben aus. Eine offene Wunde ist das, was ich erkenne, woher der verbrannte Fleischgeruch stammt, kann ich allerdings nicht sehen. Das Einzige, was deutlich in mir aufsteigt, ist eine starke Übelkeit, die aus dem Magen kommend nach oben steigt. Offensichtlich bin ich nun in Simons Erleben drin. Als nächstes nehme ich den Geschmack einer Medizin in meiner Kehle wahr und ich fühle mich benommen, was mir allerdings nicht den dumpfen Schmerz in meiner linken Schulter nimmt. Ich bin  in die Amputation dessen, was von Simons Bein übrig geblieben war, hinein geraten. Ich lasse es laufen, gebe mich dem hin. Es ist die Narkose, die mich, in Simons Empfindungen befindend, scheinbar ruhig werden lässt, doch der Raum in meiner Seele ist ausgefüllt mit einem einzigen, übermächtigen Gefühl: Angst. Spitze, metallische, glänzende Gegenstände tauchen jetzt vor meinem inneren Auge auf und eine tiefe Abneigung gegen die Berührung mit ihnen. Auch die Geräusche, die sie machen, wenn sie auf den Tisch gelegt werden, in eine Schale oder aufeinander treffen. Ganz langsam scheine ich eine deutlichere Bilderebene zu erreichen. Es muss die Aufwachphase nach Simons Operation sein. Verschwommen erkenne ich eine Hand, über die ein Handschuh gestreift wurde. Sie hält ein Stück Mull. Dieses Stück Mull ist weiß und trocken. Dann verschwindet es aus meinem Blickfeld, bis es rot und nach Blut riechend wieder vor meinem Auge auftaucht. Es ist nur ein Auge, das etwas sieht, das andere ist noch geschlossen.

 

Bewusste HIngabe statt Mitleid

 

Die unbeschreiblich starke Angst, die dieses Erleben begleitet, vermischt sich plötzlich mit meinem eigenen, menschlichen  Mitlgefühl für meinen dreibeinigen Lebensbegleiter. Als ich das merke, nehme ich mich langsam aus der Situation heraus. Denn das kann er nicht brauchen. Er hat seine eigenen Gefühle für sein vergangenes Leiden, ich würde ihm schaden, wenn ich ihm jetzt noch mein Mitleid dazu sende. Auch mir hilft es rein gar nicht. Also mache ich mir bewusst, dass unser Schöpfer Seine Hand über alles legt, was wir erleben und sofort wandelt sich das Mitgefühl wieder in diese unendlich starke Liebe, die ich aus Gott heraus für meinen Freund, in dessen Stumpf meine Nase immer noch steckt, empfinde und aus der ich schöpfen kann. Auch bei ihm ist sie offenbar angekommen, denn er leckt mir kurz übers Ohr und rollt sich mit einem zufriedenen Seufzer zusammen. Jetzt möchte er in Ruhe den Frieden und die Liebe in sich aufnehmen, die sich durch unser Zusammensein entfaltet haben. 

 

©Simon mit Claudia Maria Struwe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SIMON'S LIFE

Struwe, Claudia Maria
Ein Buch für Tierfreunde
ISBN 978-3-7392-1696-6
Hardcover 224 Seiten
€ 19,99 incl. Mwst

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